17. qualityaustria Lebensmittelforum: „Lebensmittelsicherheit braucht Verantwortung und Haltung“
Foto: “vl: Wolfgang Leger-Hillebrand, Leitung Branchenmanagement Lebensmittelsicherheit, Quality Austria Certification; Ulrike Mayerhofer, Abteilung Risikobewertung, AGES; ao. Univ.Prof. Rainer Haas, Stellvertreter Agrar- und Lebensmittelmarketing, Universität für Bodenkultur Wien“
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Beim diesjährigen qualityaustria Lebensmittelforum im Wiener Ares Tower diskutierten Branchenexperten und Interessierte über die rasanten klimatischen, geopolitischen und regulatorischen Veränderungen im österreichischen Lebensmittelsektor. Einigkeit bestand darüber, dass bloßes Abarbeiten von Checklisten als Arbeitsgrundlage zunehmend ausgedient hat. Angesichts globaler Herausforderungen spielen die Faktoren Haltung und Verantwortung eine immer größere Rolle in der Nahrungsproduktion.
Der heimische Lebensmittelsektor steht unter Druck: Trockenperioden und Ernteausfälle stellen die gewohnte Nahrungsmittelversorgung auf die Probe, Versorgungssicherheit ist zu einem Spielball in globalen Auseinandersetzungen geworden. Zugleich steigen die regulatorischen Anforderungen an Produzenten und Handel, während Konsumenten kritischer auf die Herkunft und Umweltauswirkungen von Lebensmitteln achten.
„Es bedarf eines ganzheitlichen Verständnisses dafür, wie heute Sicherheit entlang der gesamten Lebensmittelkette gewährleistet werden kann. Lebensmittelsicherheit ist mehr als die Einhaltung von Vorschriften“, sagte Wolfgang Leger-Hillebrand, Leitung Branchenmanagement bei Quality Austria Certification, bei seiner Eröffnung des 17. qualityaustria Lebensmittelforums.
Wie rasch sich die Anforderungen an die Branche verändern, zeigt auch der Blick auf die Normen und Standards. So wurden heuer mehrere davon aktualisiert oder neu eingeführt, darunter Version 7 des FSSC 22000, der neue IFS Local Check sowie die überarbeiteten Standards ISO 9001 (Qualität) und ISO 14001 (Umwelt). Der Schlüssel zum notwendigen Umdenken liegt laut Leger-Hillebrand jedoch nicht im Normierungsbereich, sondern in der persönlichen Haltung und Verantwortung von Lebensmittelexperten.
„Trotz aller Standardisierungen und Normierungen können wir nicht jeden Bereich reglementieren. Haltung beginnt dort entscheidend zu sein, wo Kontrolle nicht mehr ausreicht oder auch nicht möglich ist. Das bedeutet, dass Lebensmittelsicherheit dort entsteht, wo verantwortungsvolles Handeln Vertrauen schafft.“
Resilienz als Wettbewerbsvorteil
Der österreichische Lebensmittelsektor muss einen Paradigmenwechsel vollziehen, um künftigen Herausforderungen resilient zu begegnen. Das betonte a.o. Univ.-Prof Rainer Haas, Stellvertreter für Agrar- und Lebensmittelmarketing an der Universität für Bodenkultur Wien, in seinem Vortrag. Entscheidend sei nicht, wie sich Lebensmittel möglichst billig und effizient produzieren lassen, sondern die Frage: „Wie können wir Lebensmittel auch unter erheblichen Störungen zuverlässig, leistbar und nachhaltig bereitstellen?“ Die Antwort liege nicht in maximaler Selbstversorgung, sondern in der Kombination aus produktiver, klimafitter heimischer Landwirtschaft, diversifizierten internationalen Beziehungen, regionalen Wertschöpfungskapazitäten, strategischen Reserven und intelligentem Krisenmanagement. Resilienz werde damit zu einer eigenständigen Wettbewerbsfähigkeit des Sektors und sei nicht nur eine Frage staatlicher Krisenvorsorge.
Die aktuelle EU-Forschung zur Ernährungssicherheit gehe in dieselbe Richtung und empfehle, die Versorgung mithilfe von Szenarien und „Stress Tests“ auf ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber mehreren gleichzeitigen Schocks zu prüfen. „Österreich braucht keine maximale Autarkie, sondern maximale Krisenfähigkeit: eine vielfältige, klimafitte Landwirtschaft, robuste regionale Wertschöpfungsketten und diversifizierte internationale Partnerschaften,“ so der Leitgedanke von Rainer Haas.
Mikroplastik in der Nahrungskette: viele Fragen, wenig gesicherte Antworten
Was wir heute über Mikroplastik wissen und warum Panik keine Lösung ist, erläuterte Ulrike Mayerhofer von der Abteilung Risikobewertung an der AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) in ihrem Vortrag:
„Wir wissen heute deutlich mehr über Mikroplastik als vor zehn Jahren. Gleichzeitig gibt es immer noch Wissenslücken und Fragen, die es in Zukunft zu beantworten gilt.“
Mikroplastik ist in der Umwelt allgegenwärtig. Es wird teils gezielt Produkten wie Kosmetika oder Waschmitteln zugesetzt, entsteht aber vor allem durch Abrieb und Zerfall größerer Kunststoffteile, etwa von Verpackungen, Textilien oder Autoreifen. Es konnte bereits in Böden, in der Luft und im Meer nachgewiesen werden. Auch in Fischen und Meeresfrüchten wurden geringe Mengen gemessen, was nahelegt, dass Mikroplastik über die Ernährung in den menschlichen Körper gelangen kann. Welche gesundheitlichen Auswirkungen das hat, ist bisher jedoch nicht ausreichend untersucht.
„Eine umfassende Abschätzung des Risikos von Mikroplastik kann erst erfolgen, wenn die Nachweismethoden verbessert sind und belastbare Daten zur Aufnahme über die Nahrung sowie zu den Auswirkungen auf den Menschen vorliegen“, betonte Mayerhofer. Bis dahin plädierte die Expertin für eine faktenbasierte Diskussion statt Panikmache und empfahl zugleich Maßnahmen zur Reduktion von Mikroplastik im Sinne des vorsorglichen Verbraucherschutzes.
Die Vortragenden des 17. qualityaustria Lebensmittelforums waren sich einig: Lebensmittelsicherheit geht längst über das bloße Befolgen von Regeln hinaus. Sie erfordert ehrliche Diskussion, krisensichere Prozesse sowie die Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen schnell die richtigen Entscheidungen zu treffen.
„Resiliente Lebensmittelsicherheit entsteht nicht durch das bloße Abhaken von Checklisten, sondern durch Menschen, die Verantwortung übernehmen und Risiken ansprechen. Lebensmittelsicherheit ist nicht nur das, was wir kontrollieren. Sie ist das, wofür wir Verantwortung übernehmen und dort, wo Verantwortung gelebt wird, entsteht Vertrauen“, so die Conclusio von Wolfgang Leger-Hillebrand.