Wenn Frauen ihre eigenen Stärken unterschätzen: Warum wir unsere Fähigkeiten oft übersehen und was das mit uns macht

Wenn Frauen ihre eigenen Stärken unterschätzen: Warum wir unsere Fähigkeiten oft übersehen und was das mit uns macht

Das Schuljahr ist erst wenige Wochen alt und in vielen Familien stehen bereits wieder Leistungen, Fähigkeiten und deren Bewertung im Mittelpunkt. Doch was ist mit jenen Fähigkeiten, die in keinem Zeugnis auftauchen? Und welchen Einfluss hat es auf unser späteres Erwachsenenleben, wenn wir früh lernen, manche Begabungen als wertvoll und andere als unbedeutend einzustufen?

Was wir früh über unsere Fähigkeiten lernen, kann unser Selbstbild eingehend prägen. Doch nicht nur abwertende Rückmeldungen oder schlechte Benotungen spielen dabei eine Rolle. Auch Fähigkeiten, die in jungen Jahren nie besondere Beachtung fanden, nehmen wir später oftmals gar nicht mehr als Stärken wahr.

Wie heftig sich das im Erwachsenenleben auswirken kann, weiß die psychosoziale Beraterin, Supervisorin und Trainerin Alexandra Glander aus Lichtenwörth. In ihrer langjährigen Tätigkeit, unter anderem in der Berufs- und Karriereberatung, begegnet ihr dieses Phänomen immer wieder: Menschen verfügen über bemerkenswerte Fähigkeiten, nehmen diese selbst jedoch kaum wahr, werten sie häufig sogar ab oder tun sie schlichtweg als normal ab.

Besonders bei Frauen, die täglich zahlreiche Aufgaben bewältigen und unterschiedlichste Herausforderungen meistern, beobachtet sie, wie wenig Anerkennung sie ihren eigenen Kompetenzen entgegenbringen.

„Was im schulischen Kontext nicht oder schlecht bewertet wurde, Frau aber leichtfällt, oder was sie jeden Tag macht und schafft, hält sie oft für selbstverständlich. Dabei übersieht sie manchmal, welches individuelle Talent oder welche persönlichen Stärken und Ressourcen tatsächlich zum Einsatz kommen“, erklärt Glander.

„Geh bitte, das ist doch nichts Besonderes!“

Wenn Glander mit ihren Kundinnen über ihre Lebensgeschichten, ihr tägliches Schaffen, ihre beruflichen Erfahrungen und persönlichen Interessen spricht, hört sie häufig Sätze wie:

„Das kann doch jede Frau.“

„Das hatte schon in der Schule / während meiner Ausbildung keinen Wert.“

„Ja, stimmt schon, das liegt mir, aber ich bin darin nicht gut genug, um damit meinen Lebensunterhalt zu verdienen.“

„Das braucht doch niemand, das mach ich nur so.“

Besonders interessant – und gleichzeitig erschütternd – findet Glander, wie Frauen es beherrschen, sich selbst kleinzumachen und ihren Fähigkeiten keinerlei Wert beizumessen. Da sitzen ihr in den meisten Fällen echte Macherinnen gegenüber, die über Jahre hinweg Familienalltag, Beruf und unzählige Verpflichtungen unter einen Hut bringen. Doch auf die Frage nach ihren Stärken fällt ihnen oft erstaunlich wenig ein, beziehungsweise können sie die Antwort auf diese Frage nicht greifen.

Und wenn Glander sie dann gezielt auf das eine oder andere Talent, die eine oder andere außergewöhnliche Fähigkeit hinweist, erhält sie dann sehr oft als Antwort: „Geh bitte, das ist ja nichts Besonderes.“

Wenn die eigenen Fähigkeiten unsichtbar werden

Gerade Frauen, die es gewohnt sind, Verantwortung zu übernehmen und dafür zu sorgen, dass alles funktioniert, wissen gar nicht, wie viele unterschiedliche Kompetenzen sie dabei einsetzen.

Hier ein klassisches Beispiel: Frauen erkennen Probleme oft frühzeitig, finden Lösungen, vermitteln zwischen unterschiedlichen Parteien, erkennen Bedürfnisse und behalten Termine im Blick. Sie organisieren, improvisieren, lösen Konflikte und treffen Entscheidungen. Selbst in schwierigen Lebensphasen bleiben sie häufig handlungsfähig und bewahren auch unter Druck den Überblick.

Das alles sind Fähigkeiten und persönliche Kompetenzen. Manche davon wurden in der Schule oder in weiterführenden Fort- und Weiterbildungen erworben, andere durch Lebens- und Berufserfahrung entwickelt, wieder andere sind natürliche, mitgebrachte Talente. Und trotzdem werden sie oft als solche nicht wahrgenommen und noch viel weniger anerkannt.

Sehr oft erzählen ihre Kundinnen auch, noch nie gezielt auf ihre besonderen Denk- und Handlungsweisen aufmerksam gemacht worden zu sein. Und manche Frauen schämen sich sogar dafür, auf diese oder jene Art und Weise zu denken oder zu handeln. Zusätzlich klingelt die Aussage, dass das, was sie ausmacht oder sie besonders gut können, gar nichts Besonderes sei, auch heute noch in ihren Ohren.

Warum das Unterschätzen der eigenen Stärken blockiert

Wenn eine Frau ihre Stärken nicht bewusst wahrnimmt oder ihnen keinen Platz gibt, verliert sie nicht nur ein Stück Lebensfreude. Sie hadert mit sich selbst, stellt sich und ihre Fähigkeiten infrage und übersieht Handlungsmöglichkeiten, die ihr persönlich und beruflich offenstehen könnten.

Es bleibt unbemerkt viel wertvolles Potenzial ungenutzt – Potenzial, von dem nicht nur die Frau selbst, sondern auch andere profitieren könnten.

Es lohnt sich also, den Blick weg von den klassischen Zeugnisnoten und persönlichen oder wirtschaftlichen Bewertungen hin zu den alltäglichen Meisterleistungen und individuellen Kompetenzen zu lenken. Denn manchmal liegt gerade in dem, was in den Augen anderer nichts Besonderes oder selbstverständlich ist, eine der größten Stärken einer Frau – und darin ihre Chance, etwas für sich selbst und ebenso für und mit anderen zu bewegen.

Über die Autorin

Alexandra Glander ist diplomierte Lebens- und Sozialberaterin, Supervisorin und Trainerin sowie Illustratorin und Buchautorin aus Lichtenwörth (Bezirk Wiener Neustadt).

In ihren persönlichen Beratungen wie auch in ihren Workshops unterstützt sie insbesondere Frauen, Macherinnen und weibliche Führungskräfte, Veränderungsprozesse zu erlauben, persönliche und berufliche Herausforderungen zu meistern und eigene Denk- und Verhaltensmuster zu reflektieren. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf Selbst-und Grenzkompetenz, dem Erkennen der eigenen Fähigkeiten und der Entwicklung neuer Handlungsspielräume.

Glander verbindet psychosoziales Fachwissen und langjährige Beratungs- und Trainingserfahrung mit Humor, Kreativität und mitfühlender Intelligenz. Ihr Anliegen ist es, Frauen dabei zu unterstützen, sich selbst besser wahrzunehmen, um selbstbestimmt und selbstbewusst ihren eigenen Weg zu gehen.

Weitere Informationen und Kontaktmöglichkeiten unter www.alexandraglander.at.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *


*