Zum Schulstart: Mentaler Anteil am Lernen unterschätzt
Foto: “Markus Kalina, Regionalleiter der Schülerhilfe Österreich“ / Fotocredit & Quelle: © Schülerhilfe Österreich
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Mentale Gesundheit reduziert Lernstress – Umsetzung ab dem 1. Schultag:
„Der mentale Anteil am Lernen und am Schulerfolg wird fast immer unterschätzt…“
Es geht wieder los! In Wien, Burgenland und Niederösterreich startet das neue Schuljahr am kommenden Montag, für alle anderen Bundesländer am 14. September. Gemeinsam haben alle Schülerinnen und Schüler aber eines: Das Lernen und der Leistungsdruck starten wieder in ihre Hochsaison. „Wer die mentale Komponente beim Lernen nicht mitdenkt, erschwert es Schülerinnen und Schülern, dauerhaft gute Leistungen zu erbringen,“ davon ist Markus Kalina, von der Schülerhilfe Österreich überzeugt. Der Lernexperte gibt Tipps, wie das Schuljahr vom ersten Tag an besser läuft.
Würden Sie mit Ihrer Chefin im Pyjama frühstücken!?
Es ist ein interessantes Paradoxon: Während die Erwachsenen darauf schauen, dass sie ihre Work-Life-Balance halten und die Arbeit nicht zu oft „mit nach Hause nehmen“, kreieren wir – mit den besten Absichten – genau dieses lern-feindliche Setting für unseren Nachwuchs daheim: Die Kinder kommen von der Schule und erleben zu Hause ein ineinanderfließendes Durcheinander aus Freizeit, Familienleben, Hausaufgabenunterstützung und Nachhilfeunterricht. Persönliche Spannungen, die zwischen Familienmitgliedern völlig normal sind, werden so unbewusst ein fixer Bestandteil der Hausaufgaben oder des Lernens – mit allen ungewollten Konsequenzen.
„Eltern glauben oft, sie machen daheim etwas falsch, wenn der Nachwuchs ‚den Stoff‘ nicht annehmen will. Doch es ist keine Frage von Fachwissen oder Didaktik, es ist meist eine Frage der Familiendynamik“, weiß Markus Kalina von der Schülerhilfe Österreich.
„Deswegen bieten externe Lerngruppen oder Nachhilfeunterricht in Kleingruppen nicht nur inhaltliche Unterstützung, sie entlasten den Lernprozess, da die Beziehung zwischen Nachhilfeperson und Schützling auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet ist und ausschließlich in den Diensten des Schulerfolgs steht“, so Kalina. Und er nennt ein einprägsames Beispiel:
„Umgelegt auf uns Erwachsene wäre das so, als würden Sie zu Ihrem Partner in Job-Supervision gehen oder als wäre Ihre Chefin jene Person, mit der sie auch im Pyjama am Frühstückstisch sitzen.“ Die professionelle Nachhilfe in Kleingruppen bietet hingegen klare Strukturen und schafft Verbindlichkeit außerhalb des Familienverbandes. Die Abgrenzung von Leistungskontexten und leistungsfreier Zeit minimiert den Stress und unterstützt das Gehirn dabei, das Gelernte langfristig und sinnvoll zu verdauen.
Mentalen Druck reduzieren: Helfen Sie Ihren Kindern, „abzuschalten“
„Abschalten“ hat in der aktuellen Zeit eine wesentlich faktischere Bedeutung erhalten und mit „digital detox“ ein neues Trendwort kreiert: Wer permanent „online“ ist und hinter Push-Nachrichten und abonnierten Kanälen in der Re-Aktion verhaftet bleibt, tut sich schwer, sich auf Themen einzulassen und zu fokussieren. Eine Fähigkeit, die für das Lernen jedoch zentral ist.
„Erstellen Sie mit Ihren Kindern gemeinsame Regeln, wann Handys ‚gemutet‘ und Kanäle ‚abgedreht‘ werden. Wir erleben immer wieder, dass Kinder und ihre Lernkurven von klar definierten Offline-Phasen profitieren. Auch das Handyverbot an Österreichs Schulen und das Handyexperiment des ORF, bei dem mutige Schüler freiwillig für Wochen offline gegangen sind, haben gezeigt, wie sehr wir diese Auswirkungen im Lernalltag unterschätzen“, weiß Kalina.
Den Umgang mit KI realistisch(er) bewerten
Natürlich, es gibt Aspekte, bei denen der Einsatz von KI in der Lernhilfe im Vergleich zum Menschen unschlagbar ist: Die permanente Verfügbarkeit beispielsweise, die sich den Lern- und Zeitbedürfnissen individuell anpasst. Oder die Möglichkeit, anonym „peinliche“ Fragen stellen zu können, die es zwar eigentlich nicht gibt und die trotzdem im Alltag dazu führen, dass Lernende sich etwas nicht zu (hinter-)fragen trauen.
ABER: „Vor dem Hintergrund dieser klaren Vorteile, wird der alleinige Einsatz der KI als Nachhilfe-Tool völlig überschätzt“, weiß Kalina. Denn in der Praxis bedeutet Prüfungsvorbereitung nicht nur das Auswendiglernen von vorformulierten Antworten der KI, sondern braucht den sozialen Austausch mit anderen: Es geht dabei um den Umgang mit dem Prüfungssetting, der Strukturierung der eigenen Gedanken und ihrer Nachvollziehbarkeit für andere, den Aufbau und das Sprachgefühl bei Texten oder um Präsentations-Skills, die nur im Gespräch mit einem lebendigen Gegenüber geübt werden können.
„Leider wird unter all dem Fachwissensdruck immer wieder vergessen, dass Lernen, auch neurologisch betrachtet, ein sozialer Prozess ist, der ein empathisches aber ‚neutrales‘ Gegenüber braucht, das auf mich eingeht und mir authentisch mit seinem Wissen und seiner Perspektive zur Verfügung steht“, so Kalina.