Umfrage zeigt: 3 von 4 Frauen befürchten berufliche Nachteile durch Kinderwunschbehandlungen
Foto: “MMag. Christina Fadler, Obfrau des Vereins „Die Fruchtbar“ und Vorstandsmitglied von Fertility Europe“ / Fotocredit: © Farbraum Wien
Quelle: © Die Fruchtbar – Verein Kinderwunsch Österreich
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Ein Kinderwunsch kennt keine Bürozeiten
Wie schwierig es sein kann, Kinderwunschbehandlungen mit dem Berufsalltag zu vereinbaren, zeigt eine aktuelle Befragung[1] von Fertility Europe. An der Umfrage nahmen 2.717 Personen aus 33 europäischen Ländern teil, davon 127 Frauen aus Österreich: Mehr als 70 % der Befragten gaben an, dass Unfruchtbarkeit bzw. Kinderwunschbehandlungen ihre langfristige Karriereplanung beeinflusst hatten. Über 80 % mussten sich für die Behandlung von der Arbeit freistellen lassen. Unter den österreichischen Teilnehmerinnen berichten 97 % von Stress oder Ängsten bei der Vereinbarkeit von Diagnose oder Behandlung und Beruf. 72 % befürchten berufliche Nachteile. Anlässlich der European Fertility Week vom 2. bis 8. November 2026 fordert Die Fruchtbar – Verein Kinderwunsch Österreich mehr Verständnis und konkrete Unterstützung am Arbeitsplatz.
- 97 % erleben die Vereinbarkeit von Kinderwunschbehandlung und Beruf als belastend
- 72 % befürchten negative berufliche Folgen durch ihre Diagnose oder Behandlung
- 81 % mussten für Diagnose oder Behandlung der Arbeit fernbleiben, 58 % davon nutzten Urlaubstage
- 45 % haben erwogen, auf berufliche Entwicklungschancen zu verzichten
- 85 % berichten, dass ihr Arbeitgeber keine spezifische Fertilitätsrichtlinie oder entsprechende Unterstützung hat
„Für viele Betroffene wird eine Kinderwunschbehandlung zu einem zweiten Vollzeitjob. Sie müssen zahlreiche, oft zyklusbedingt erforderliche und schwer planbare Arztbesuche neben einem Vollzeitjob organisieren, Medikamente nehmen, Rückschläge verkraften und gleichzeitig im Beruf funktionieren. Das kostet enorm viel Kraft und bleibt für das Umfeld oft unsichtbar“, betont MMag. Christina Fadler, Obfrau von Die Fruchtbar – Verein Kinderwunsch Österreich und ergänzt:„Im Zuge meiner eigenen Kinderwunschbehandlung musste ich mir für den operativen Eingriff einen Urlaubstag nehmen, da – trotz Empfehlung der WHO – Unfruchtbarkeit in Österreich nicht als Krankheit anerkannt wird“.
Sorge um Karriere und Arbeitsplatz
Die Angst vor beruflichen Konsequenzen hat unterschiedliche Gründe: 38 % der Befragten in Österreich befürchten eindeutig Nachteile im Job, weitere 34 % zumindest teilweise. Unter den 87 Personen, die diese Sorge äußern, nennen 67 % verpasste Aufstiegs- oder Entwicklungschancen und 60 % eine schlechtere Beurteilung. Die möglichen Folgen reichen bis zu grundlegenden Karriereentscheidungen: 45 % haben darüber nachgedacht, auf berufliche Chancen zu verzichten, 34 % über eine Karrierepause und 31 % über einen Jobwechsel.
Wenn Arzttermine in die Arbeitszeit fallen
81 % der österreichischen Befragten mussten für Untersuchungen, Arzttermine oder Kinderwunschbehandlungen der Arbeit fernbleiben. Von den 98 Personen, die dazu Angaben machten, nutzten 58 % Urlaubstage und 8 % unbezahlten Urlaub. Wie schwierig die Terminplanung sein kann, beschreibt eine Teilnehmerin der Befragung: „Die Öffnungszeiten der Kliniken und Ärzte liegen immer in meiner Arbeitszeit. Als Projektmanagerin habe ich viele Besprechungen, die ich nicht so einfach verschieben kann.“
Schweigen statt Unterstützung
Zwei Drittel der Befragten in Österreich (66 %) fühlen sich nicht wohl dabei, ihre Diagnose oder Behandlung am Arbeitsplatz offenzulegen. Nur 8 % geben an, sich damit wohlzufühlen, weitere 24 % zumindest teilweise. Auch bei konkreten Unterstützungsangeboten zeigt sich eine deutliche Lücke: 85 % berichten, dass es bei ihrem Arbeitgeber keine spezifische Fertilitätsrichtlinie gibt. Lediglich zwei von 121 Befragten geben an, dass eine solche vorhanden sei. Gleichzeitig würden 94 % einen Arbeitgeber mit Fertilitätsangeboten definitiv oder möglicherweise bevorzugen.
Status quo in Europa
Wie unterschiedlich der Umgang mit Kinderwunschbehandlungen am Arbeitsplatz in Europa ist, zeigt ein Blick auf andere Länder. Während es in Österreich bislang keine spezifische gesetzliche Regelung zur Freistellung für Kinderwunschbehandlung gibt, haben einige europäische Staaten bereits konkrete Schutz- und Freistellungsregelungen geschaffen. In Frankreich und Griechenland bestehen gesetzliche Ansprüche auf Freistellung für medizinisch notwendige Maßnahmen beziehungsweise auf bezahlten Sonderurlaub bei künstlicher Befruchtung. Auch Dänemark kennt arbeitsrechtlichen Schutz während einer Kinderwunschbehandlung, unter anderem vor Benachteiligung und Kündigung. In Belgien bestehen besondere Schutzvorschriften im Zusammenhang mit medizinischen IVF-Behandlungen. Die konkreten Regelungen unterscheiden sich von Land zu Land, etwa hinsichtlich Freistellung, Entgeltfortzahlung und Kündigungsschutz. Der europäische Vergleich zeigt jedoch: Kinderwunschbehandlungen können auch arbeitsrechtlich berücksichtigt werden und müssen nicht ausschließlich in der Freizeit oder auf Kosten der Beschäftigten stattfinden.
Klare Regeln und mehr Flexibilität gefordert
Die Fruchtbar fordert gemeinsam mit Fertility Europe bessere Rahmenbedingungen für Menschen, die eine Kinderwunschbehandlung mit ihrem Beruf vereinbaren müssen. Dazu gehören flexible Arbeitszeiten, verlässliche Möglichkeiten für Behandlungstermine, ein vertraulicher Umgang mit persönlichen Informationen und verständnisvolle Führungskräfte. Die Ergebnisse machen deutlich, dass es dabei nicht nur um die Vereinbarkeit von Beruf und Behandlung, sondern auch um berufliche Chancen und finanzielle Sicherheit geht.
„Menschen sollten nicht zwischen dem Wunsch nach einer Familie und ihrer beruflichen Entwicklung wählen müssen. Kinderwunschfreundliche Arbeitsplätze bedeuten keine Sonderbehandlung, sondern praktisches Verständnis, Planbarkeit und Unterstützung, wenn diese benötigt werden. Davon profitieren Beschäftigte, Arbeitgeber und die Gesellschaft als Ganzes“, sagt Maciej Smiechowski, Vorsitzender von Fertility Europe.
Unterstützende Stimmen zur Kampagne:
Dr.in Nina Böck und Dr.in Antonia Greb, Leiterinnen des Referats für Frauenpolitik, Gender und Diversity der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien:
„Ärztinnen sind von diesem Thema besonders betroffen. Durch die lange Ausbildung verschiebt sich die Familienplanung bei vielen in eine Lebensphase, in der die Fruchtbarkeit bereits abnimmt. Gleichzeitig gehören Kinderwunschbehandlungen unter Kolleginnen noch immer zu den großen Tabuthemen. Wer in einem Beruf arbeitet, in dem Belastbarkeit und ständige Verfügbarkeit erwartet werden, spricht nicht gern darüber, dass sie kurzfristig für eine Eizellentnahme ausfällt. Doch eine Kinderwunschbehandlung folgt dem Zyklus und nicht dem Dienstplan. Es braucht daher Spitalsträger und Abteilungsleitungen, die hier flexibel reagieren: kurzfristige Diensttausche ohne Rechtfertigungsdruck, eine Freistellung für medizinisch notwendige Eingriffe, ohne dass dafür Urlaub verbraucht werden muss, und eine Kultur, in der Kolleginnen offen darüber sprechen können, ohne Nachteile in ihrer Karriere zu fürchten. Das Gesundheitswesen sollte hier mit gutem Beispiel vorangehen. Wer Ärztinnen im System halten will, muss sie auch in dieser Lebensphase unterstützen.“
Chris Neff, Managing Director der Merck Gesellschaft mbH Österreich
„Als weltweiter Pionier im Bereich der Fertilität wissen wir bei Merck, wie groß die physische, emotionale und finanzielle Belastung eines unerfüllten Kinderwunsches sein kann. Fruchtbarkeitsbehandlungen finden zudem meist im aktiven Arbeitsleben statt, weshalb es uns eine Herzensangelegenheit ist, unsere Mitarbeitenden und deren Partnerinnen und Partner in dieser besonderen Lebensphase zu unterstützen. Mit unserem Fertility-Benefit bieten wir ihnen daher finanzielle Unterstützung in Form einer sogenannten „Lifetime Fertility Allowance“ von bis zu 20.000 EUR brutto pro Mitarbeitendem für ihre Fruchtbarkeitsbehandlungen und stehen zugleich mit zeitlicher Flexibilität im Arbeitsalltag, aber auch ganz einfach Verständnis und Rückhalt zur Seite.“
[1] Die Befragung wurde zwischen Mai und August 2026 durchgeführt. 98,2 % der Teilnehmenden waren Frauen.